Der gute alte Flyer

Der gute alte Flyer zählt heute leider nur noch als Ramschprodukt und Beiwerk. Vielleicht, weil er in seiner wahren Aufgabe als Informationsträger schon längst ausgedient hat. Dabei hangelten wir uns vor den Zeiten des Internets noch von Konzert zu Konzert und von Club zu Club und der Flyer war unser stetiger Begleiter und das sogenannte Ticket für den nächsten Zug. Lediglich er und ab und an das Plakat offenbarten uns, wo das nächste Szenehighlight stattfindet und in welche Stadt es uns diesesmal hinführt. Zu jenen Zeiten gab es, genauso wie Platten- und T-Shirtsammler, auch den allseits bekannten Flyersammler. Gerade bei den Jüngeren unter uns, denen das Geld für die Platte oder das T-Shirt bei den Konzerten fehlte, diente gerade der Flyer als schönes und billiges Andenken an den besagten schönen Abend. Was wurde auch mancher Flyer gar in kollektiver Arbeit zu einem Bierchen zum Bergfest gemeinsam mit Kleber, Schere, Filzstift und Papier zusammen gestellt. Heute verbringt man fast genauso viel Zeit alleine beim ewigen Facebookveranstaltungen erstellen und damit alle Freunde dazu einzuladen. Am nächsten Tag ging es dann in den örtlichen Copyshop wo der Flyer als Vierernutzen auf ein A4 umkopiert wurde. Meist in schwarz / weiß auf farbigem Papier, damit es besser auffällt. Die kollektive Beschwipstheit entfachte nicht selten etwas Lustiges auf dem Flyer, worüber selbst die Nachwelt noch gut schmunzeln konnte. Und sei es nur ein witziger Spruch oder Bild gewesen. Besonders von den Chaostagen in Hannover gibt es hunderte scharfe und sehr überspitzte Flyer mit wenig Wahrheitsgehalt, aber großem Schock in der “normalen” Gesellschaft. Am Mittwoch darauf wurde sich wieder auf ein Bier getroffen, um gemeinsam die Flyer mit der Schere auszuschneiden. Heute wartet man nur noch, dass der UPS-Bote abgehetzt um die Ecke kommt und einem innerhalb von 24 Stunden, die Flyer vor die Tür knallt. Beim Bergfest wurde gleich abgeklärt, dass es am Wochenende gemeinsam zum nächsten Konzert geht, um die Flyer an den passenden Mann zu bringen. Wer schon etwas professioneller zu jener Zeit war, benutze schon Programme wie Quarkexpress zum Gestalten der Flyer und ließ ihn wahrscheinlich für viel Geld und der passenden Connection im Offsetdruck drucken. Nicht selten zierten auch hangemalte Zeichnungen oder ein Comic den besagten Flyer, was heute oft durch die schnelle Bildersuche bei Google abgelöst wurde. Aber auch heute sieht man noch sehr deutlich, wieviel Mühe und Zeit manche Leute beim Gestalten der Flyer investiert haben und es halt nicht so lustlos dahingerotzt ist. Und wenn es “nur”, wie bei einem Dresdenflyer, den ich letztens sah, die Ecken vom Flyer abgerundet sind. Die Liebe steckt einfach im Detail. Genauso sieht man überall, dass limitierte Hardtickets eine kleine Renaissance feiern. Keiner möchte mehr diese selber ausgedruckten Vorverkaufstickets haben. In Amerika schon ganz groß und auch hier bei den Konzerten in den Großstädten vermehrt zu sehen, werden extra limitierte Siebdruckposter von den Veranstaltungen angefertig und zum schmalen Taler am Abend verkauft. Auch eine ganz feine Sache und wer sich mit dem Handwerk Siebdruck mal auseinander gesetzt hat, weiß auch, wieviel Arbeit dahinter steckt. Da habe ich die Hoffnung noch nicht verloren, dass auch der Flyer irgendwann zu seinem alten Glanz zurück findet. Und das sehe ich jetzt nicht nur so, weil ich aus der Druckbranche komme und das Medium Papier einfach liebe. Nein, ich sehe den Flyer auch als Erinnerungsstück, oder druckt ihr euch die Teilnahmebestätigung der Facebook-Veranstaltung als Andenken aus?

Thomas x Lockenkopf